Weihnachten zuhause…

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    • Weihnachten zuhause…

      Unser Kater Max ist mittlerweile 6,5 Jahre alt. Bereits als kleiner Kerl war er zu uns gekommen und genießt seither Familienanschluss. Leider haben wir es immer wieder versäumt, ihn zu kastrieren und zu chippen. Keine gute Idee, wie sich herausstellen sollte. Unsere Nachlässigkeit wurde bitter bestraft.
      Es kam wie es kommen musste. Eines Tages im April war Max, der Freigänger, plötzlich verschwunden. Die ersten Tage nach seinem Verschwinden habe ich Max intensiv gesucht. Plakate wurden aufgehängt, Nachbarn und Freunde informiert sowie die vielfältigen Möglichkeiten des Internets genutzt. Doch leider war alles vergeblich – es gab kein Lebenszeichen von Max. Immer wieder schaute ich zum Fenster raus, in der Hoffnung, dass der geliebte Kater irgendwo um die Ecke kommt. Zunehmend beschlich mich das Gefühl, dass Max wahrscheinlich für immer verschwunden bleiben wird. Die Ungewissheit über seinen Verbleib brach mir das Herz. In diesen Tagen und Wochen wäre es mir lieber gewesen, ich hätte Max irgendwo tot gefunden. Die Tage und Wochen vergingen, aber über allen Aktivitäten hing ein grauer, bleierner Schatten. Doch es half ja alles nichts, das Leben musste weitergehen.

      Als der kalte, trübe November allmählich auf die Zielgerade einbog, begann ich, wie viele andere Menschen auch, allmählich die Adventsdekoration aufzubauen. Weihnachten, das Fest der Liebe warf seine Schatten voraus. Ja, das Fest der Liebe und der Familie würden wir in diesem Jahr ohne unser geliebtes vierbeiniges Familienmitglied feiern müssen. Wieder legte sich diese beklemmende dunkle Stimmung auf meine Seele.

      Am Samstag vor dem ersten Advent klingelte früh nachmittags das Telefon. Am anderen Ende meldete sich eine Frau. Ihre Stimme klang etwas aufgeregt. Sie wohnte einer kleineren Stadt, etwa 40 Km von uns entfernt. Am Vortag war ihr ein Kater zugelaufen. Bereits seit einigen Wochen hatte sie die kleine Samtpfote in der Nähe ihres Hauses beobachtet, doch sie wusste nicht, ob er eventuell irgendwo dort wohnt. Als er aber nun vor ihrer Tür saß, sah die Sache anders aus. Sie nahm den kleinen Kerl zunächst bei sich auf. Da sich herausgestellt habe, dass der Vierbeiner nicht gechippt war, ließ sich auch kein Besitzer finden. Doch weil sie selbst eine große Katzenliebhaberin sei, konnte sie sich an unseren Suchaufruf im Frühjahr erinnern und hat nochmals im Internet nach der Anzeige gesucht und siehe da, das so oft verfluchte Internet vergisst wirklich nicht… Die Anzeige war wiederzufinden und so gelangte die Dame an unsere Telefonnummer. Meine Gedanken spielten verrückt. Wäre das ein Traum, den kleinen Max lebend zu finden. Oder war er es gar nicht. Es gibt so viele schwarze Katzen und leider hatte Max keine besonderen Kennzeichen. Ich wusste nicht, ob ich mich wirklich freuen sollte.

      Die Dame an der anderen Seite spürte meine Verunsicherung. „Wissen Sie was“, sagte sie, „ich schicke Ihnen einige Bilder von der Katze und dann telefieren wir nochmal.“ Das war sicherlich eine gute Idee und bereits wenige Minuten später meldete sich mein Mobiltelefon mit einigen Aufnahmen des kleinen Stromers. Als ich die Fotos sah, war ich bitter enttäuscht. Auf dem Bild war kein selbstbewusster Max mit seinem strahlend samtschwarzen Fell zu sehen, sondern ein ziemlich zerzauster Kater, mit kleinen Verletzungen im Gesicht, der schüchtern in die Kamera blickt. Nein, dass konnte nicht Max sein. Enttäuscht setzte ich mich hin, während die Tränen über meine Wangen rollten.

      Nach einigen Minuten gab ich mir einen Ruck und blickte nochmal auf das Handy. Wer weiß, wie sich so ein Kater verändert, wenn er monatelang draußen leben muss. Hatte nicht die Finderin davon gesprochen, dass sie die Katze schon länger beobachtet hatte? Egal wie ich es drehte, der Beschluss stand fest. Ich wollte die Katze selbst in Augenschein nehmen. So griff ich zum Telefon und meldete mich erneut bei der Dame. Ihre Stimme wirkte freundlich und sie berichtete, dass der kleine Kater es sich bei ihr im Wohnzimmer gemütlich gemacht habe, nachdem er sich zunächst richtig schön vollgefressen hatte. Leider, so ließ sie mich allerdings wissen, könne sie den Kater auf keinen Fall behalten, weil sie schon zwei Katzen und einen Hund habe. Falls ich ihn nicht nehmen könne, müsse der Kleine leider ins Tierheim. Wir verabredeten uns für den frühen Abend, da die Dame zunächst noch einen Termin wahrnehmen musste.

      Die Zeit schien nicht zu vergehen. Ich versuchte mich mit diversen Tätigkeiten abzulenken, aber selbst der schnöde Hausputz konnte dabei keine Abhilfe leisten. Wieder und wieder blickte ich auf mein Handy und sah mir die Bilder des verwahrlosten Katers an. Dann fasste ich einen Entschluss. Egal, ob es sich bei dem kleinen nun um Max handelt oder nicht, ich würde ihn bei mir aufnehmen, denn in ein Tierheim soll er nicht. Ohnehin hatte ich bereits seit einiger Zeit mit dem Gedanken gespielt, mir eine neue Katze zuzulegen, denn der Glaube an eine Rückkehr von Max war nach dem anfänglichen Hoffen inzwischen auf ein verschwindend kleines Minimum gesunken. Ich machte mir Mut – selbst wenn es sich bei diesem Kätzchen nicht um Max handelt und er dennoch zurückkehren sollte, wären zwei Katzen bei auch uns auch unterzubringen.

      So ganz allein wollte ich die Entscheidung dann aber doch nicht treffen, ich informierte meine Tochter, die zwar nicht mehr bei mir wohnt, aber noch sehr regelmäßig in den Semesterferien zuhause ist. Wie nicht anders zu erwarten, teilte sie meinen Plan, denn auch sie ist eine große Katzenliebhaberin und sie machte der Verlust von Max mindestens so traurig wie mich. Als wir das Telefon beendet hatten, fühlte ich mich unglaublich erleichtert. Glücklicherweise hatte das Frauengeschwätz auch mal wieder länger gedauert, als gedacht und damit konnte ich mich jetzt endlich auf den Weg machen. Zunächst machte ich aber noch einen kleinen Abstecher zum Fachgeschäft für Tiernahrung, das glücklicherweise auf dem Weg lag, denn ich hatte ja gar kein Futter mehr im Haus.

      Je näher ich meinem Ziel kam, desto größer wurde die Aufregung. Ich spürte wie meine Hände feucht wurden. Mit zittrigen Fingern betätigte ich den Klingelknopf. Nach wenigen Sekunden öffnete sich die Tür. Eine freundliche ältere Dame stand mir gegenüber. Sofort erkannte ich sie an der Stimme. Im Wohnzimmer erblickte ich das kleine schwarze Fellknäuel, dass offensichtlich tief entschlummert war. Behutsam nahm ich das Kätzchen auf den Arm und versuchte ihn zu identifizieren. Um ehrlich zu sein – auch wenn ich es mir noch so wünschte, ich war mir nicht sicher, ob es wirklich Max ist. Eines aber war klar – es war Liebe auf den ersten Blick… Dieser kleine Kerl sollte bei mir ein schönes Zuhause bekommen. Als ich die Transportkiste holte und der Kater zielgerichtet hineinmarschierte dämmte es mir, dass es eigentlich ja nur Max sein konnte. Welche Katze würde so furchtlos in eine fremde Box springen. Max hatte schon einige Transporte in dieser Kiste hinter sich und war stets völlig unproblematisch hineingegangen.

      Schon wieder fuhren meine Gefühle Achterbahn. Den angebotenen Kaffee lehnte ich ab, denn ich hatte den Eindruck, dass mein Blutdruck ohnehin schon in astronomische Höhen geschnellt war. Als kleines Dankeschön überreichte ich ein Paket Pralinen und verabschiedete mich, nicht ohne zu versprechen, mich in den nächsten Tagen zurückzumelden, um Bericht zu erstatten.

      Nach überstandener Rückreise stellte ich die Transportbox in das Wohnzimmer und öffnete die Tür. Unversehens sprang die Katze heraus und machte sich zielgerichtet auf den Weg in die Küche und dort direkt zum Futterplatz. Da waren auch die letzten Zweifel beseitigt – es ist MAX!

      Dieses Gefühl ist nur schwer in Worte zu fassen. Immer wieder streichelte ich das schwarze Fell, dass ganz plötzlich auch gar nicht mehr zerzaust wirkte, sondern schon wieder einen ganz eigenen Glanz bekam. Vielleicht lag das aber auch an meinen feuchten Augen… Ich holte tief Luft und erinnerte mich, dass ich dem kleinen Ausreißer doch erstmal etwas zu fressen geben sollte, auch wenn ihn seine Finderin sicherlich bestens versorgt hatte. Bestimmt hatte er Nachholbedarf. Während Max sein Menü genoss, rief ich meine Tochter an, um ihr die frohe Botschaft mitzuteilen.

      Über dem folgenden Adventssonntag lag ein ganz eigenes Strahlen und die Vorfreude auf das Weihnachtsfest war auf einmal unglaublich groß, denn die Familie war wieder vereint. Noch bevor die Weihnachtszeit ihrem Höhepunkt entgegensteuerte, hatte Max allerdings einen Termin beim Tierarzt. Seither ist er gechipt und kastriert. Bei der Nachsorge wurden dann noch die Zähne gecheckt, die während seiner wilden Monate ein wenig gelitten hatten. Sonst hat er aber erfreulicherweise keine Schäden davongetragen.

      Mein schönstes Weihnachtsgeschenk liegt jetzt wieder täglich in meinem Arm. Sein Schnurren scheint noch lauter und behaglicher zu sein als vor seinem Verschwinden oder nehme ich es nur intensiver war. Das Fest der Liebe werde ich immer mit der Heimkehr von Max verbinden – das wunderbarste Geschenk, das man mir machen konnte…